Die Hördter Rheinauen und die Frage, ob modernes Ingenieurwesen die Natur optimieren kann ?

Pfälzer Urwald, romantische Wasserlandschaft, Auenwunderland – so oder so ähnlich werden die Hördter Rheinaue häufig beschrieben, als Naherholungsgebiet. Und vielen ist sie auch nur als solches bekannt. Doch das größte noch zusammenhängende Auwaldgebiet in Rheinland-Pfalz ist weit mehr als eine beliebig kombinierbare Collage aus wildwüchsigen Weiden, Wasser und Wanderwegen.

Von Sarah Kuffner, engagierte Naturschützerin und Amphibienkennerin.


Der Rheinhauptdeich ist über 250 Jahre alt und ein intaktes Refugium seit langer Zeit!

Wie alle naturnahen Flussauen bietet auch die Hördter Rheinaue Raum für eine hohe Biodiversität, ist natürlicher Hochwasserschutz und dient der Trinkwasserbereitstellung. Sie speichert Kohlenstoff und reduziert durch Denitrifizierung den Nährstoffeintrag in den Rhein. Aber sie birgt noch eine Besonderheit, wegen der sie schon vergleichsweise früh als Naturschutzgebiet ausgewiesen wurde: Seit mehr als 250 Jahren trennt ein Deich, der heutige Rheinhauptdeich, das Gebiet in eine durch regelmäßige Überschwemmungen geprägte rezente Aue und eine vom Überflutungsregime des Rheins abgeschnittene Altaue. Dort konnte sich über einen langen Zeitraum in relativ isolierter Lage eine Vielzahl an terrestrischen und aquatischen Biotoptypen entwickeln sowie Altwässer und Schluten in unterschiedlichen Sukzessionsstadien mit jeweils einzigartiger Biozönose ausprägen und bewahren.

Die Hördter Rheinaue wurde somit zum letzten großflächigen und relativ ungestörten Refugium vieler selten gewordener Arten der Aue und Altaue. So finden sich dort noch Bestände des in Rheinland-Pfalz un-mittelbar vorm Aussterben stehenden Moorfrosches; in druckwassergeprägten Senken konnten Urzeitkrebse überdauern und zeigen sich auch heute noch in unregelmäßigen Abständen. Seltene Wasserpflanzenbestände mit Tannwedel, Wasserfeder, Froschbiss und Seekanne sind nur eine von vielen weiteren Facetten dieses Artenreichtums.Im Hinblick auf die in Montreal getroffenen Beschlüsse zur Bekämpfung des Artensterbens könnte die Bedeutung des Gebiets als Refugialraum mit Spenderfunktion noch weiter zunehmen.

Durch baubedingte Eingriffe ist das Naturschutzgebiet akut gefährdet.

Doch all das scheint plötzlich wertlos und das älteste Naturschutzgebiet in Rheinland-Pfalz, mittlerweile auch als Teil des Natura2000-Netzes unter europäischem Schutz, ist in Gefahr – es soll nach den Plänen der Oberen Wasserbehörde zu einem großflächigen technischen Reserveraum für ein 200- bis 400-jähriges Extremhochwasser umgebaut werden und würde bei einer Flutung mehrere Meter tief unter Wasser stehen. Angesichts der bereits heute durch die schwindenden Gletscher stark reduzierten Abflussmengen des Rheins wird ein möglicher Einsatz dieses Reserveraums immer unwahrscheinlicher und daher stellt zumindest die Flutung noch die geringste Gefahr dar. Wesentlicher wirken sich die gewaltigen baubedingten Eingriffe aus. So zerschneidet z. B. zukünftig ein zehn Kilometer langer zusätzlicher Deich sowie mehrere Trenndeiche wertvolle Waldflächen und Offenland-Lebensräume, weitere Flächenversiegelung erfolgt durch den Bau neuer Schöpfwerke, Straßen und Häfen und dutzende Hektar von zum Teil sehr alten Buchen und Eichen müssen gerodet werden. Für diese massiven Eingriffe muss gemäß Naturschutzrecht eine Kompensation stattfinden – in dem dafür erarbeiteten „ökologischen Ausgleichskonzept“ liegt das eigentliche Problem. Doch von vorne.

Seit Jahrhunderten versuchen wir, natürliche Bedingungen – in diesem Fall die Interaktion von Fluss und Landschaft - durch den Einsatz von Technik beherrschen zu können. So sind „neue natürliche Bedingungen“ entstanden, die durch modifizierte und optimierte Technik wiederum beherrschbar gemacht werden musste, mit der Folge, dass unerwünschte Nebeneffekte wie Grundwasserabsenkung, aber auch steigende Hochwassergefahr eintraten. Also wurde in menschlicher Hybris ständig aufs Neue „optimiert“ und nach und nach reihten sich die Polder wie eine Perlenkette entlang des Rheins, zerschnitten und verdrängten die letzten naturnahen Rheinauen, während sich zeitgleich Siedlungen und Industriegebiete unentwegt in den eingedeichten Bereichen der Altauen ausbreiteten und dabei wertvolle Überschwemmungsflächen verloren gingen. Weitere Hochwasserschutzmaßnahmen in bisher unberücksichtigten Gebieten wurden notwendig: die Hördter Rheinaue, die aufgrund ihrer ökologisch herausragenden Wertigkeit lange Zeit außer Debatte stand, sollte durch Renaturierung zur Retentionsfläche werden. Grundvoraussetzung für eine Renaturierung ist allerdings die Extensivierung der bisherigen Nutzung – jedoch wurde in den folgenden Jahren deutlich, dass weder Land- noch Forstwirtschaft dazu bereit waren und daher die Schaffung naturähnlicher, dynamischer Überschwemmungsflächen nicht möglich ist. Daher entschied man sich letztlich für einen nur bei Extremhochwasser einzusetzenden Reserveraum und entwickelte, um mögliche Konflikte aufgrund des zusätzlichen Bedarfs an Flächen zur Kompensation zu vermeiden, ein Ausgleichskonzept zum „ökologischen Fluten“ von Teilbereichen der Waldflächen. So sollten „aueähnliche“ Bedingungen, wie sie vor der Tullaschen Rheinbegradigung vorherrschten, wiederhergestellt werden. Eingezwängt in ein enges Korsett weiterer Forderungen lokaler Interessensgruppen wurde aus dieser „ökologischen Flutung“ eine örtlich und zeitlich begrenzte Wassereinleitung in einen künstlich anzulegenden sechs Kilometer langen Graben, der die wertvollsten Flächen der Hördter Rheinaue durchzieht und zudem durch Trenndeiche separiert wird.

Was setzen die unwiederbringliche Zerstörung des sensiblen Ökosystems aufs Spiel!

Ungeachtet der insgesamt ca. 150 Hektar aktiver Eingriffsfläche präsentiert die Behörde ihr Vorhaben noch immer als Auen-Reaktivierung, die potenziell in mehreren Jahrzehnten natürliche Lebensräume für eine Vielzahl an Auen-Arten entstehen lässt (was wohl alleine schon an den immer weiter sinkenden Pegelständen des Rheins und somit in einigen Jahren fehlenden Wassermengen für die Flutung scheitern wird). Dabei bleibt unerwähnt, dass sobald man die in ihrer Struktur einmaligen Schluten-Systeme der Hördter Rheinaue, die in mehr als zweihundertjähriger Verlandung und Sukzession im Altauenbereich entstanden sind, nun zu einem Flutungsgerinne umgestaltet, durch die Änderung wesentlicher abiotischer und biotischer Faktoren dieses sensible ökologische Gefüge unwiederbringlich zerstört wird.

Baggergraben und Beton sollen das einmalige Schluten-System optimimieren?
Das ist das
Ergebnis maximaler Naturentfremdung.

So wird letztlich ein Naturschutzgebiet mit überragender Funktion im System der Altauenbiotope für eine fragwürdige zukünftige Auen-Reaktivierung mit Experimentalcharakter geopfert und durch ein auenmystisch umworbenes Kunstprodukt ersetzt – eine zwangsläufige Konsequenz in einer maximal naturentfremdeten Gesellschaft? Eine Landschaft, durchzogen von einem über sechs Kilometer langen, über technische Bauwerke und elektronische Steuerung mit Rheinwasser befüllter Baggergraben – soll das etwa die „reaktivierte Aue“ der Zukunft darstellen?
Spundwände, Trenndeiche, Schöpfwerke und Drainagen, die die beworbene „Dynamik des Wassers“ auf ein Minimum reduzieren und damit auch weiterhin die intensivlandwirtschaftliche Ausnutzung wassergeprägter Aueböden mit Gewalt sicherstellen – ist das unser zukünftiges Verständnis von Renaturierung? Oder dient diese „ökologische Flutung“ etwa doch nur einer ausgeglichenen Eingriffsbilanzierung, bei der die betroffenen Biotope - ungeachtet ihrer komplexen Verknüpfungen – nüchtern-steril mit standardisierten Wertpunkten versehen und mit potenziell neu entstehenden optimierten Biotopen verrechnet werden?

Wie alle unsere Feuchtgebiete leidet auch die Hördter Rheinaue in den letzten Jahren vermehrt unter Trockenheit und es ist durchaus sinnvoll, der dortigen Natur wieder mehr Wasser zukommen zu lassen – um das zu erreichen wäre aber eine Abkehr von der völlig aus der Zeit gefallenen Wasserbewirtschaftung, inklusive der im jetzigen Stil durchgeführten obsoleten Binnenentwässerung und exzessiven landwirtschaftlichen Beregnung, der richtige Ansatz. Jedoch nicht durch die Umwandlung unserer letzten und kostbarsten Naturjuwele in Ingenieurslandschaften.


Der Beitrag ist im Frühlingsheft #EM05 erschienen.

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