Dr. Thomas Jaworek - Kallstadt Bürgermeister

Kallstadt: Eine Ortschaft in der Pfalz ist in Bewegung - Interview mit dem Ortsbürgermeister Dr. Thomas Jaworek

Hallo, lieber Herr Dr. Jaworek. Haben Sie den Eindruck, dass das Thema Nachhaltigkeit in der breiten Masse angekommen ist?
TJ Bei uns in Kallstadt einem Dorf mit 1 250 Einwohnern haben sich bei der Erstellung der Nachhaltigkeitsstrategie fast 100 Bürgerinnen und Bürger beteiligt, viele davon waren von Anfang an dabei und sie kommen auch heute noch zu den öffentlichen Treffen der Themenpaten oder zu den Infoveranstaltungen. Ich denke es ist uns gelungen, ein Verständnis für Nachhaltigkeit im Sinne der 17 SDGs (Sustainable Development Goals) auch bei weiteren Teilen der Bevölkerung zu erzielen. Sicher wächst dieses Verständnis immer noch, auch bei uns im Dorf. Ich persönlich sehe die Kommunikation im Sinne der „Bildung Nachhaltiger Entwicklung" als eine meiner Aufgaben als Ortsbürgermeister.

Wo sehen Sie Kallstadt in 35 Jahren, was charakterisiert Ihr persönliches „Modell" Kallstadt?
TJ Ich sehe Kallstadt als ein Dorf, das sich kontinuierlich weiterentwickelt und diese Entwicklung zusammen mit den Bürgerinnen und Bürgern jeden Alters gemeinsam gestaltet. Einwohnerversammlungen, Waldbegänge oder ähnliche Informationsveranstaltungen, aber auch Helfertage, an denen gemeinsam etwas für das Dorf geschaffen wird, prägen das Miteinander. Aktuell verteilen wir im Jahr etwa 250 Mitmacher-Kalender an die Engagierten im Dorf. Die größte Gruppe ist die mit unseren 90 Blumenfrauen. Sie sind seit fast 50 Jahren aktiv und pflegen von Mai bis September den Blumenschmuck im Dorf. Ich hoffe, dieses Modell können wir mit in die Zukunft nehmen.

Sie sind mit Ihrer Gemeinde eine SDG-Modellgemeinde, erfahren Sie Zuspruch aus anderen Gemeinden und Städten?
TJ Ja, unseren Weg als kleine Kommune zur Erstellung einer Nachhaltigkeitsstrategie konnte ich bei einem Online-Seminar der SKEW (Servicestelle Kommunen in der Einen Welt, Kompetenzzentrum für kommunale Entwicklung) oder aber auch beim Besuch von Malu Dreyer mit Vertretern des Nachhaltigkeitsrats 2022 vorstellen. Die Akronyme SDG oder GNK (Global Nachhaltige Kommune) sind nach meiner Wahrnehmung nicht gut vermarktbar. Unser Logo mit unserem Dorf und dem Pfälzerwald mit dem Bismarckturm im Rad der 17 Nachhaltigkeitsziele ist der Versuch, an den Ortseingängen auf unser Engagement aufmerksam zu machen.

Bis 2025 planen Sie etwa 30 Prozent der Weinbauflächen biodiversitätsfördernd begrünt haben. Wo stehen Sie aktuell?
TJ Beim Schreiben der Strategie haben wir grob gesagt eine Verdopplung angestrebt. Durch die Zertifizierung einzelner Betriebe, z. B. auf Bio oder dem Arbeiten im Sinne des Branchenleitfadens Nachhaltigkeit im Weinbau, entwickelt sich die Sache kontinuierlich und das wird auch von Berufskollegen gesehen und regt zum Nachahmen an. 2019 hatten Weinbaubetriebe in Kallstadt Wetterstationen und 20 Sensor-Einheiten (Blattfeuchte, Luftfeuchte, Temperatur und Bodenfeuchte) in den Weinbergen angeschafft. Alle Daten stehen diesen Betrieben für die Bewirtschaftung zur Verfügung. Wir planen Informationsveranstaltungen mit diesen Winzern, um über das Thema Prognosemodelle für Pflanzenschutzmaßnahmen auf Grundlage der Daten aus den Weinbergen zu diskutieren. Die Datenerhebung ermöglicht es, für unsere Gemarkung präzise Vorhersagen für das Auftreten von echtem oder falschem Mehltau zu treffen. Die aktuellen Vorgaben zum Verbot von Pflanzenschutzmitteln in Schutzgebieten betrifft 80 Prozent der Kallstadter Rebfläche. Wenn diese pauschale Regelung nicht noch gestoppt wird, wird sich unsere Kulturlandschaft entlang der Deutschen Weinstraße massiv verändern: Wir verlieren den Weinbau als wirtschaftliche Säule in den Orten, die Kommunen werden die Pflege der Landschaft nicht übernehmen können und die Attraktivität der Region für Tages- und Wochenend-Touristen geht zurück.

Gibt es Bestrebungen, im Rahmen des nachhaltigen Weinbaus, auch die
Bewässerungssysteme an die aktuellen Begebenheiten anzupassen?
TJ Bei der Erstellung der Nachhaltigkeitsstrategie habe ich gelernt, sich bei den Maßnahmen auf das zu konzentrieren, was wir als Kommune auch in der Hand haben bzw. konkret beeinflussen können. Beim Anlegen von neuen Weinbergen können Winzer zusätzliche Förderung für Tröpfchenbewässerung erhalten.

Auf Ihrer SDG-Agenda steht auch das Thema Mobilität. Worin liegt genau Ihre Absicht, denn die Busverbindung besteht doch bereits. Möchten Sie die Nutzung der Öffentlichen intensivieren oder die Abfahrtszeiten optimieren?
TJ Der ÖPNV orientiert sich aktuell an den Bedarfen von Schülerinnen und Schülern und in der Nord-Süd-Achse in Richtung Grünstadt oder Bad Dürkheim. Das G8-Ganztags-Gymnasium in Maxdorf wird nur über Umwege erreicht, so dass viele Eltern ihre Kinder mit dem Auto bringen. Wenn ich z. B. als Pendler in die Metropolen Frankenthal, Ludwigshafen oder Mannheim will, habe ich die beste Verbindung über den Bahnhof Freinsheim, der jedoch mit Bussen nicht angebunden ist. Sie sind in ca. 30 Minuten von Mannheim aus in Freinsheim, aber es besteht auch am Wochenende keine Verbindung in den Pfälzerwald zu den Wanderparkplätzen an der Weilach oder Lindemannsruh. Ein attraktives Angebot an Verbindungen ist aus meiner Sicht Voraussetzung dafür, dass sich das Mobilitätsverhalten ändert. Wir sind u. a. mit dem Kreis Bad Dürkheim dabei, andere Strecken zu diskutieren.

Welches politische Projekt sollte schnellstmöglich umgesetzt werden?
TJ Wir sind gerade gemeinsam mit Herxheim am Berg dabei „Geo-Naturwanderwege" umzusetzen und diese zu nutzen, mit Informationstafeln auf die Besonderheiten unserer Region hinzuweisen. Ich sehe dieses Projekt als einen Kontrapunkt zur Planfeststellung der Umgehungsstraße, B271-neu, die bei uns ca. 13 Hektar Weinbergsfläche – das sind ca. fünf Prozent – zur Hälfte als Asphaltstraße und zur Hälfte als Ausgleichsfläche schlucken wird.
Für Kallstadt wird sie zwar in Nord-Süd-Richtung den Verkehr reduzieren, führt jedoch gleichzeitig zu einer Mehrbelastung der Kreisstraße nach Osten bzw. Westen. Die Planungen für diese Straße stammen aus einer anderen Zeit und müssen aus meiner Sicht in den verantwortlichen politischen Ebenen neu bewertet werden. Nachhaltigkeit nicht nur im Wahlkampf oder Strategien, sondern konkret!

Ihre Gemeinde verfügt über 250 Hektar Wald. Wie hoch ist der Anteil an FSC/PEFC-zertifizierten Flächen?
TJ Die Bewirtschaftung unseres Waldes erfolgt seit vielen Jahrhunderten gemeinsam mit den umliegenden Gemeinden, die ebenfalls Waldbesitz haben im Rahmen der Ganerben. Der gesamte Wald ist seit Jahrzehnten FSC-zertifiziert, wir haben uns für die Förderung "Klimaangepasstes Waldmanagement" beworben und haben uns im Ausschuss für Weinbau und Forsten darauf verständigt, weitere Waldflächen aus der Bewirtschaftung zu nehmen.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Dr. Jaworek.

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